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Ausstellung „Todesopfer an der innerdeutschen Grenze“

Politische Repression, Westreiseverbot und die Hoffnung auf bessere Lebenschancen sind die Gründe für eine Flucht aus der DDR. Oft verbinden sich politische und private Motive. Für Zehntausende Menschen endete der Fluchtversuch in Haftanstalten des Ministeriums für Staatssicherheit oder der Deutschen Volkspolizei. Mindestens 200 Menschen verloren ihr Leben beim Versuch die DDR über die innerdeutsche Grenze verlassen zu wollen.

Das in einem Vorraum des Raums der Stille zu sehende Ausstellungsmodul zu Todesopfern an der innerdeutschen Grenze ist eine themenspezifische Erweiterung der 2020 neu eröffneten Dauerausstellung. Hier werden sieben beispielhafte Biografien dargestellt, die einen Überblick über die Todesfälle und -umstände bieten, die nachweislich und deutlich auf das DDR-Grenzregime zurückzuführen sind und die sich im Grenzverlauf auf dem Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalts ereignet haben. Die präsentierten Fälle machen vor allem den Charakter des DDR-Grenzregimes deutlich und verweisen auf die Vielfalt der Gründe und Lebenssituationen, die zu einem Fluchtversuch und in den hier gezeigten Fällen zum Tode führen konnten. 

Tödliche Fluchten an der innerdeutschen Grenze

Werfen Sie hier gern einen Blick in Quellen und Geschichten zu den Opfern des DDR-Grenzregimes.

Biografische Skizze / Fred Woitke – Erschossen beim Fluchtversuch an der Grenzübergangsstelle Marienborn am 21. April 1973

Der Arbeiter der Straßenmeisterei Eisenhüttenstadt Fred Woitke und zwei Kollegen planen die Flucht aus der DDR in den Westen. Von einem Leben in der Bundesrepublik erwarten sie mehr persönliche Freiheit. Das DDR-Grenzregime lehnen sie ab. Einer der Kollegen möchte sich mit einer KfZ-Werkstatt in der Bundesrepublik selbständig machen. Daher beschließen die drei, die Grenzanlagen an der Grenzübergangsstelle Marienborn zu durchbrechen. Dafür rüsten sie einen Lkw mit einem Schneeschild sowie mit Decken und einem Teppich als Kugelfang aus. Sobald sie die Grenzübergangsstelle erreicht haben, beschleunigen sie den Wagen und durchbrechen mehrere Sperren. Die Grenzsoldaten der Sicherungskompanie eröffnen das Feuer und geben insgesamt 100 Schüsse auf die Flüchtenden ab. Der Flucht-Lkw fährt mit hoher Geschwindigkeit gegen die massive Rollsperre, die die Straße Richtung Bundesrepublik sperrt und überschlägt sich. Woitke und einer der Kollegen versuchen, zu Fuß in Richtung Westen zu entkommen. Beide werden von den Schüssen der Grenzsoldaten getroffen, Fred Woitke wird tödlich verletzt.

Biografische Skizze / Wolfgang Vogler – Getötet durch Splitterminen am 15.Juli 1974 bei Benneckenstein

Der Landmaschinen- und Traktorenschlosser Wolfgang Vogler arbeitet in einem Betrieb der Obstverarbeitung in Parchim. Im Juni 1974 wird Vogler gekündigt, weil er angeblich wiederholt zu spät zur Arbeit kommt. Zur selben Zeit verliebt sich Vogler in eine Australierin, die für mehrere Wochen Verwandte in der DDR besucht. Die beiden planen eine Zukunft im Westen. Vogler entschließt sich, die DDR zu verlassen.

Einen ersten Fluchtversuch im Harz bricht er ab, da er die Orientierung im Grenzgebiet verliert. Er besucht für einige Tage Freunde in Thale und unternimmt am Abend des 14. Juli den zweiten Versuch. Vogler überquert zunächst eine Hundetrasse und kriecht unter dem ersten Grenzzaun hindurch. Den zweiten und letzten Zaun will er mit Hilfe eines Holzpfahls überwinden. Dabei löst er mehrere der an den Zaun montierten Splitterminen (SM-70) aus. Die Wucht der Explosion wirft Voglers Körper drei Meter zurück und fügt ihm schwerste Verletzungen zu. Trotz zweier Bluttransfusionen und einer Notoperation stirbt Wolfgang Vogler am folgenden Tag im Krankenhaus.

Geschichte eines Objekts / Splittermine SM-70

Ein Beispiel für den menschenrechtsverachtenden Charakter der DDR-Grenze waren die Splitterminen SM-70, die im Jahr 1971 installiert wurden. Um auf diese Selbstschussanlage aufmerksam zu machen, baute der als politischer Häftling von der Bundesrepublik freigekaufte Michael Gartenschläger zweimal eine solche Anlage erfolgreich ab. Bei einem dritten Versuch kam Michael Gartenschläger im Landkreis Lauenburg ums Leben. Ein MfS-Kommando betrachtete seinen Tod als selbstverständliche Folge der „Bekämpfung“ von DDR-Feinden. Eine originale Selbstschussanlage von Gartenschläger kann man heute in der neuen Dauerausstellung der Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn sehen.